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Gicht trotz Sport und Normalgewicht: Wenn Training, Hitze und Alkohol zum „Perfect Storm“ werden

  • vor 3 Tagen
  • 18 Min. Lesezeit

Gichtanfälle können extrem schmerzhaft sein. Typisch ist ein plötzlich stark entzündetes Gelenk – häufig das Großzehengrundgelenk. Das Gelenk wird rot, heiß, geschwollen und teilweise so empfindlich, dass bereits leichter Druck kaum auszuhalten ist.

Die klassische Erklärung lautet meist:

Die Harnsäure ist zu hoch.

Und daraus entstehen die bekannten Empfehlungen:

  • Gewicht reduzieren

  • purinarm essen

  • Fleisch reduzieren

  • Alkohol vermeiden

  • Fructose reduzieren

  • ausreichend trinken.

Grundsätzlich können viele dieser Empfehlungen sinnvoll sein. Doch die wissenschaftliche Betrachtung zeigt: Gicht ist komplexer als „zu viel Harnsäure durch falsches Essen“.

Besonders interessant wird das bei Menschen, die gar nicht dem klassischen Risikoprofil entsprechen. Ein fiktives Beispiel:

Max – 50, sportlich, normalgewichtig und trotzdem Gicht

Neben dem in Studien häufig vertretenen Gichtpatienten – männlich, eher 50+, übergewichtig und häufig mit metabolischen Begleiterkrankungen – gibt es einen anderen Phänotyp.

Nennen wir ihn Max.

Max ist 50 Jahre alt.

Sportlicher, etwa 50-jähriger Mann fährt an einem sonnigen Sommertag mit dem Rennrad auf einer Landstraße. - KI Generiert.
Max, 50 Jahre, auf einer anstrengenden Rennrad-Ausfahrt bei 30 Grad im Sommer - Bild mit KI erstellt.

Er ist normalgewichtig, sportlich und fährt regelmäßig Rennrad.

Es ist ein schöner Sommertag. 30 °C.

Am Samstagnachmittag trifft sich Max mit seiner Rennradgruppe. Die Runde wird anspruchsvoller als geplant: drei Stunden, ordentlich Tempo, einige Höhenmeter.

Max hat zwei Trinkflaschen dabei.

Sie reichen gerade bis nach Hause.

Am Abend ist er bei Freunden zum Grillen eingeladen. Es gibt Fleisch vom Grill und dazu einige Bier.

Sportlicher, etwa 50-jähriger Mann steht abends an einem Grill, grillt Fleisch und hält eine Bierflasche in der Hand  - KI generiert.
Max Abends beim Grillen mit Freunden. Dazu ein Bier. KI generiert.


Am nächsten Morgen wacht Max mit Schmerzen im Fuß auf.

Das Großzehengrundgelenk ist geschwollen, rot und heiß. Auftreten tut weh. Selbst leichte Berührung ist unangenehm.

Etwa 50-jähriger Mann sitzt auf einem Sofa und betrachtet seinen geröteten und geschwollenen Großzehenbereich. - KI generiert.
Max mit geschwollen Fuß - Großzehengrundgelenk - KI generiert.


Das klinische Bild passt zu einem Gichtanfall.

Was könnte passiert sein?

Zunächst wichtig:

Wir können nicht beweisen, dass genau diese Kombination den Anfall ausgelöst hat.

Aber sie ist physiologisch sehr plausibel.

Denn innerhalb weniger Stunden treffen bei Max mehrere Faktoren aufeinander:

intensive Belastung

  • hoher ATP-Umsatz

  • Hitze

  • starkes Schwitzen

  • möglicherweise Flüssigkeitsdefizit

  • purinreiche Mahlzeit

  • Alkohol.

Und diese Faktoren können sowohl die Produktion als auch die Ausscheidung von Harnsäure beeinflussen.

Vereinfacht könnte der Prozess so aussehen

1. Hohe körperliche Belastung

ATP wird in großen Mengen umgesetzt.

Beim stärkeren Abbau von Adeninnukleotiden können über

AMP → Hypoxanthin → Xanthin → Harnsäure

zusätzliche Purinabbauprodukte entstehen.

Dass intensive Ausdauerbelastung Serumharnsäure vorübergehend erheblich erhöhen kann, ist experimentell beobachtet worden.

Bei 16 Amateur-Ultramarathonläufern stieg die Harnsäure nach einem 54-km-Lauf beispielsweise von durchschnittlich 4,9 auf 7,3 mg/dl; nach 111 km von 5,3 auf 6,7 mg/dl. (PubMed)

2. Hitze und starkes Schwitzen

Parallel verliert Max Flüssigkeit.

Eine kleine physiologische Studie mit 13 gut trainierten Badmintonspielern ist dafür interessant: Während mehrtägiger intensiver Belastung mit starkem Schwitzen stieg Serumurat um rund 18 %. Gleichzeitig sank die Urat-Clearance relativ zu Kreatinin von 6,6 auf 5,4 %. (PubMed)

Das bedeutet nicht, dass Sport schlecht ist.

Im Gegenteil: Langfristig ist eine hohe körperliche Fitness eher mit einem geringeren Gichtrisiko assoziiert. In einer prospektiven Untersuchung von knapp 29.000 männlichen Läufern hatten fittere und umfangreicher trainierende Männer sogar ein niedrigeres Gichtrisiko. (PubMed)

Es gibt also einen wichtigen Unterschied zwischen:

regelmäßiger körperlicher Aktivität langfristig

und

einer akuten außergewöhnlichen Belastung unter Hitze und Flüssigkeitsverlust.

3. Alkohol kommt hinzu

Am Abend folgt Bier.

Bei 724 Menschen mit bestehender Gicht zeigte sich eine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen Alkohol innerhalb der vorausgegangenen 24 Stunden und erneuten Gichtanfällen.

Schon bei mehr als ein bis zwei alkoholischen Getränken lag die Odds Ratio bei etwa 1,36, bei mehr als zwei bis vier Getränken bei 1,51.

Dabei war nicht nur Bier betroffen. Auch Wein und Spirituosen waren mit einem erhöhten Flare-Risiko verbunden. (PubMed Central (PMC))

4. Dazu kommt die Ernährung

Auch eine kurzfristig hohe Purinzufuhr kann bei Menschen mit bereits bestehender Gicht relevant sein.

In einer Case-crossover-Studie mit 633 Gichtpatienten war das höchste Quintil der Purinaufnahme innerhalb der vorhergehenden zwei Tage mit einer OR von 4,76 für einen erneuten Gichtanfall verbunden.

Interessant ist allerdings die Differenzierung:

Tierische Purinquellen zeigten einen wesentlich stärkeren Zusammenhang als pflanzliche Purinquellen. (PubMed)

Damit ist „purinarm“ als pauschale Ernährungsregel wahrscheinlich zu simpel.

Aber warum bekommt Max überhaupt einen Gichtanfall?

Hier kommt ein entscheidender Punkt.

Sport, Bier und Grillfleisch erzeugen vermutlich nicht innerhalb eines Abends plötzlich große Mengen neuer Uratkristalle im Großzehengelenk.

Wahrscheinlicher ist:

Die Kristalle waren vorher schon da.

Über längere Zeit hatte Max möglicherweise eine Uratkonzentration, unter der Kristalle entstehen konnten.

Der Samstagabend liefert dann lediglich den Trigger, durch den aus bislang relativ unauffälligen Kristallablagerungen plötzlich eine massive Entzündungsreaktion wird.

Vereinfacht:

langfristige Uratbelastung

MSU-Kristalle im Gewebe

plus

akuter Trigger

→ Aktivierung des angeborenen Immunsystems

→ NLRP3-Inflammasom

→ IL-1β

→ massive Gelenkentzündung.

Dass Mononatriumurat-Kristalle das NLRP3-Inflammasom aktivieren und dadurch unter anderem IL-1β freisetzen, ist seit einer grundlegenden Nature-Arbeit von 2006 gut beschrieben. (PubMed)

Was könnte Max konkret verändern?

Wenn sich tatsächlich herausstellt, dass die Anfälle bevorzugt nach solchen Situationen auftreten, würde ich zunächst versuchen, den Trigger-Cluster auseinanderzunehmen.


Nicht: Kein Sport mehr.

Sondern:

Lange heiße Trainingseinheiten besser vorbereiten

Max sollte euhydriert starten und während langer Einheiten seine individuelle Schweißrate berücksichtigen.

Bei erheblichen Schweißverlusten geht es nicht ausschließlich um Wasser, sondern auch um ein sinnvolles Elektrolyt- und Natriummanagement.

Energiezufuhr sicherstellen

Eine lange intensive Belastung sollte nicht regelmäßig gleichzeitig mit starkem Energiedefizit, anschließendem Fasten und ausgeprägter Ketose kombiniert werden.

Alkohol gezielt reduzieren

Ein besonders einfacher Versuch wäre:

Nach langen und heißen Trainingseinheiten keinen oder deutlich weniger Alkohol.

Es ist durchaus möglich, dass zwei Bier am Ruhetag einen anderen Effekt haben als zwei Bier nach drei Stunden intensiver Belastung bei 30 °C und hohem Schweißverlust.

Für genau diese Kombination existiert allerdings kein großer randomisierter Versuch.

Purinlast intelligent reduzieren

Nicht zwangsläufig alle Hülsenfrüchte und Gemüse eliminieren.

Die vorhandenen Daten sprechen stärker gegen große Mengen tierischer Purine als gegen pflanzliche Quellen. (PubMed)

Und vor allem: die Baseline bestimmen

Die wichtigste Frage wäre für mich:

Wie hoch ist Max' Harnsäure an einem normalen Tag?

Also:

gut hydriert, keine extreme Belastung unmittelbar zuvor, kein akuter Gichtanfall.

Denn es macht einen enormen Unterschied, ob Max dauerhaft bei

8,5 mg/dl

liegt

oder normalerweise beispielsweise bei

6,2 mg/dl

und lediglich unter Extrembedingungen starke Ausschläge entwickelt.

Zwei unterschiedliche Max-Szenarien

Szenario A: chronisch hohe Harnsäure

Max liegt wiederholt bei 8–9 mg/dl.

Dann sind Hitze, Training und Alkohol wahrscheinlich nur die Zündfunken.

Das zugrunde liegende Problem – die dauerhaft kristallfördernde Umgebung – bleibt auch an Ruhetagen bestehen.

Hier wird eine längerfristige uratsenkende Strategie deutlich relevanter.

Szenario B: relativ unauffällige Baseline, starke Trigger

Max liegt normalerweise wesentlich niedriger und hat nur seltene, klar situativ zuordenbare Anfälle.

Dann bekommt Trigger-Management möglicherweise ein viel größeres Gewicht.

Genau hier muss die Therapie individuell werden.

Wo kommen Medikamente ins Spiel?

Allopurinol und Febuxostat hemmen die Xanthinoxidase und reduzieren damit die Bildung von Harnsäure.

Bei etablierter Gicht empfehlen Leitlinien eine Treat-to-target-Strategie. Üblicher Zielwert ist <6 mg/dl, bei ausgeprägter Erkrankung kann ein niedrigerer Zielwert erwogen werden. (Nice)

Das therapeutische Konzept ist biologisch überzeugend:

Serumurat dauerhaft senken

→ keine weitere Kristallbildung

→ bestehende Kristalle können sich allmählich auflösen

→ langfristig weniger Gichtanfälle.

Bei häufigen Anfällen, Tophi oder goutbedingten strukturellen Schäden ist die Indikation zur uratsenkenden Therapie wesentlich klarer als nach einem einzelnen unkomplizierten Anfall. (PubMed)

Aber für einen Patienten wie Max gibt es eine interessante Einschränkung der Evidenz.


Was zeigen die Studien wirklich?

1. Medikamentenstudien untersuchten häufig nicht „Max“

Schauen wir beispielsweise auf die große CONFIRMS-Studie mit 2.269 Gichtpatienten.

Die Teilnehmer waren:

  • zu etwa 94 % Männer

  • durchschnittlich etwa 53 Jahre alt

  • BMI durchschnittlich ca. 32,8 kg/m²

  • 64 % adipös

  • 68 % konsumierten Alkohol

  • etwa 65 % hatten eine milde oder moderate Einschränkung der Nierenfunktion

  • etwa 53 % hatten Hypertonie

  • Serumurat durchschnittlich ungefähr 9,5–9,6 mg/dl

  • Gicht bestand bereits seit durchschnittlich etwa 11–12 Jahren. (PubMed Central (PMC))

Das ist ein ziemlich anderer Patient als:

50 Jahre, BMI 23, hohe Fitness, keine Diabeteserkrankung, normale Nierenfunktion und seltene situative Anfälle.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Allopurinol bei Max nicht wirkt.

Die Hemmung der Xanthinoxidase hängt nicht davon ab, ob jemand einen BMI von 23 oder 33 hat.

Aber es bedeutet:

Die konkrete Nutzen-Risiko-Abwägung bei metabolisch gesunden, schlanken Ausdauerathleten ist wesentlich weniger direkt durch große Gicht-RCTs untersucht worden.

2. Hohe Harnsäure bedeutet nicht automatisch Gicht

Eine klassische Langzeitstudie untersuchte mehr als 2.000 zunächst gesunde Männer über insgesamt mehr als 30.000 Personenjahre.

Das zukünftige Gichtrisiko nahm sehr stark mit Serumurat zu.

Aber selbst bei ≥9 mg/dl entwickelte keineswegs jeder Teilnehmer Gicht. (PubMed)

Damit gilt:

Hyperurikämie ist ein wesentlicher Risikofaktor.

Aber:

Hyperurikämie ist keine Gichtdiagnose.

3. Und ein Gichtanfall braucht keinen aktuell hohen Harnsäurewert

Auch das Gegenteil gilt.

Bei einer Analyse von 339 Patienten mit akutem Gichtanfall hatten etwa 14 % während des Anfalls Serumurat ≤6 mg/dl. (PubMed)

Deshalb empfiehlt NICE sogar ausdrücklich:

Ist der Wert während eines klinisch verdächtigen Anfalls <6 mg/dl, sollte er nach Abklingen des Anfalls erneut gemessen werden. (Nice)

Harnsäure: Ursache und gleichzeitig Surrogatmarker

Damit kommen wir zu einer wichtigen Differenzierung.

Harnsäure ist nicht nur irgendein Laborwert.

Sie befindet sich kausal sehr weit vorne:

Uratkonzentration

→ beeinflusst Kristallbildung.

Aber wenn unser Outcome lautet:

„Wie viele Gichtanfälle bekommt ein Patient?“

dann wird Serumurat gleichzeitig zu einem unvollkommenen Surrogatparameter.

Denn zwischen Serumurat und Schmerz liegen noch:

Kristalllast + Immunaktivierung + individuelle Trigger.

Deshalb kann eine Intervention theoretisch:

Serumurat stark senken

aber kurzfristig noch nicht sofort alle Anfälle verhindern.

Und eine andere Intervention könnte möglicherweise:

Serumurat kaum beeinflussen

aber trotzdem die Entzündungsreaktion und damit die Zahl der Flares reduzieren.

Genau hier werden Vitamin C und besonders Kirschen interessant.

Vitamin C: interessanter, als es zunächst erscheint

Die große Beobachtungsstudie

Choi, Gao und Curhan untersuchten 46.994 Männer ohne Gicht zu Studienbeginn über 20 Jahre.

Es traten 1.317 neue Gichtfälle auf.

Gegenüber einer Vitamin-C-Zufuhr unter 250 mg/Tag betrug das relative Risiko:

  • 500–999 mg: 0,83

  • 1.000–1.499 mg: 0,66

  • ≥1.500 mg: 0,55.

Das entspricht bei ≥1.500 mg einer Assoziation mit etwa 45 % geringerem relativem Gichtrisiko. (PubMed Central (PMC))

Bemerkenswert für unsere Max-Frage:

Diese Population war mit einem durchschnittlichen BMI um 25 wesentlich schlanker als die typischen Medikamenten-RCT-Populationen.

Aber:

Das war eine Beobachtungsstudie.

Menschen wurden nicht randomisiert zu „1.500 mg Vitamin C“ oder „kein Vitamin C“.

Eine Kausalität lässt sich daraus deshalb nicht beweisen.

Dann kam ein großer randomisierter Versuch

In einer späteren Analyse der Physicians' Health Study II waren 14.641 männliche Ärzte randomisiert unter anderem zu:

500 mg Vitamin C täglich

oder Placebo.

Über bis zu zehn Jahre lag die Rate neuer Gichtdiagnosen unter Vitamin C bei 8,0 versus 9,1 pro 1.000 Personenjahre.

HR:

0,88

also ungefähr 12 % weniger neue Diagnosen.

Interessanterweise war der Effekt bei Männern mit BMI <25 stärker. (PubMed Central (PMC))

Das ist wesentlich weniger spektakulär als die 45 % aus der Beobachtungsstudie – aber aufgrund der Randomisierung kausal deutlich interessanter.

Senkt Vitamin C tatsächlich Harnsäure?

Ja, wahrscheinlich etwas.

In einem doppelblinden RCT mit 184 Nichtrauchern führten 500 mg Vitamin C täglich über zwei Monate zu einer durchschnittlichen Senkung von etwa:

−0,5 mg/dl

während sich unter Placebo praktisch nichts änderte. (PubMed)

Das spricht für einen kleinen urikosurischen Effekt.

Bei echten Gichtpatienten sieht es allerdings schwächer aus

Stamp et al. untersuchten 40 Patienten mit Gicht und Serumurat >6 mg/dl.

500 mg Vitamin C täglich über acht Wochen bewirkten ungefähr:

−0,23 mg/dl.

Beginn bzw. Intensivierung von Allopurinol dagegen:

−1,9 mg/dl.

Damit sollte man zwei Fragen auseinanderhalten:

Vitamin C zur Prävention einer späteren Gicht?

Dafür gibt es ein interessantes Signal.

Vitamin C als Ersatz für eine notwendige uratsenkende Therapie bei etablierter Gicht?

Dafür ist die Evidenz nicht überzeugend.

Und aus der Beobachtungsstudie lässt sich insbesondere nicht ableiten, dass 1.500 mg zwingend besser sind als 500 mg.

Kirschen: Vielleicht geht es gar nicht primär um Harnsäure

Noch interessanter ist Montmorency Tart Cherry.

Die berühmten 26 % Xanthinoxidasehemmung

Kirakosyan et al. untersuchten Montmorency-Tart-Cherry-Extrakt im Labor.

Gefunden wurden unter den jeweiligen experimentellen Bedingungen:

  • ACE-Hemmung ~89 %

  • COX-1 ~65 %

  • Lipoxygenase ~64 %

  • COX-2 ~38 %

  • Xanthinoxidase ~26 %. (ScienceDirect)

Wichtig:

Das waren keine Menschen.

26 % Xanthinoxidasehemmung im Reagenzglas bedeutet nicht:

26 % weniger Harnsäure im Blut.

Die Studie zeigt einen interessanten Mechanismus – keinen klinischen Therapieeffekt.

Die 2020er Gichtstudie spricht sogar gegen eine starke uratsenkende Wirkung

Stamp et al. untersuchten 50 Menschen mit Gicht und Serumurat >6 mg/dl.

Die Teilnehmer erhielten randomisiert unterschiedliche Dosen Tart-Cherry-Konzentrat bis 30 ml zweimal täglich oder Placebo über 28 Tage.

Die Hälfte nahm Allopurinol, die andere Hälfte keine ULT.

Ergebnis:

kein signifikanter dosisabhängiger Effekt auf Serumurat

und

kein signifikanter Effekt auf die Urat-Ausscheidung im Urin. (PubMed)

Damit wird die Hypothese

„Montmorency ist ein natürliches Allopurinol“

eher schwächer.

Montmorency-Sauerkirschen, Kirschkonzentrat, Zitrusfrüchte, Vitamin-C-Supplement und ein Glas Wasser auf einem neutralen Tisch. - KI generiert.

Aber die Studie beantwortet eine andere Frage überhaupt nicht gut

Die Autoren fanden auch keinen signifikanten Unterschied bei der Flare-Häufigkeit über 28 Tage.

Daraus darf man aber nicht schließen:

Kirschen verhindern keine Gichtanfälle.

Und auch nicht:

Kirschen wirken genauso gut wie Allopurinol.

Die Studie hatte nur 50 Teilnehmer, fünf Dosisgruppen und lief lediglich vier Wochen.

Sie war primär auf den Serumurateffekt ausgerichtet.

Für ein relativ seltenes Ereignis wie einen Gichtanfall ist eine solche Studie viel zu klein und kurz, um Gleichwertigkeit oder fehlende Wirkung überzeugend zu beweisen. (PubMed)

Die Schlesinger-Studie von 2012 wird deshalb besonders interessant

Schlesinger und Schlesinger veröffentlichten 2012 kleine Pilotstudien zur Flare-Prophylaxe mit Kirschsaftkonzentrat.

Der randomisierte Teil war winzig:

14 auswertbare Patienten

über etwa vier Monate.

Neun erhielten Kirschkonzentrat, fünf Granatapfelkonzentrat als Vergleich.

Unter Kirschkonzentrat sank die berichtete Flare-Häufigkeit numerisch deutlich.

Aber:

  • extrem kleine Gruppen

  • begrenzte Verblindung

  • Recall-Probleme

  • Regression to the mean

  • Begleitmedikamente

  • kein ausreichend gepowerter Wirksamkeits-RCT.

Die Studie kann deshalb keine klinische Wirksamkeit beweisen.

Sie liefert aber eine interessante Hypothese:

Die Zahl der Gichtanfälle könnte sinken, ohne dass Serumurat entsprechend stark sinkt.

Schlesinger N, Schlesinger M. Pilot Studies of Cherry Juice Concentrate for Gout Flare Prophylaxis. J Arthritis. 2012;1:101. DOI: 10.4172/2167-7921.1000101. (ResearchGate)

Dazu passt eine größere Beobachtungsstudie

Zhang et al. untersuchten 633 Menschen mit Gicht in einem Case-crossover-Design.

Kirschkonsum innerhalb der vorausgehenden zwei Tage war mit etwa:

35 % geringeren Odds eines erneuten Gichtanfalls

assoziiert.

Kirsch-Extrakt zeigte eine ähnliche Assoziation.

Besonders auffällig war die Kombination:

Kirschen + Allopurinol

mit einer OR von ungefähr 0,25 gegenüber Zeiträumen ohne beides. (PubMed)

Auch das beweist keine Kausalität.

Aber es wirft eine spannende Hypothese auf:

Allopurinol und Kirschen könnten – falls der Kirsch-Effekt real ist – unterschiedliche Ebenen derselben Erkrankung beeinflussen.

Zwei unterschiedliche Wirkprinzipien

Allopurinol

Xanthinoxidase ↓→ Harnsäure ↓→ Kristalllast langfristig ↓→ langfristig weniger Flares.

Montmorency – hypothetisch

Serumurat vielleicht kaum verändert

aber eventuell:

Entzündungssignale ↓→ Immunantwort auf vorhandene MSU-Kristalle ↓→ möglicherweise weniger Flares.

Das würde auch zu den In-vitro-Befunden von Schlesinger passen, bei denen Cherry-Konzentrat die durch Uratkristalle ausgelöste IL-1β-Reaktion reduzierte.

Genau dieser IL-1β-Signalweg ist für den akuten Gichtanfall biologisch hochrelevant. (PubMed)

Harnsäure ist deshalb nicht gleich Gicht

An diesem Punkt lässt sich das Gesamtmodell sehr gut zusammenfassen.

Ebene 1: Serumurat

Frage:

Ist die biochemische Umgebung langfristig kristallbildend oder kristallauflösend?

Ebene 2: Kristalllast

Frage:

Wie viele MSU-Kristalle befinden sich bereits in Gelenken und Gewebe?

Ebene 3: Flare

Frage:

Was bringt das Immunsystem dazu, auf diese Kristalle heute massiv zu reagieren?

Damit wird verständlich, warum:

  • hohe Harnsäure nicht automatisch einen Gichtanfall bedeutet,

  • Harnsäure während eines Gichtanfalls normal sein kann,

  • Harnsäuresenkung Flares nicht unmittelbar beendet,

  • Triggerkontrolle Flares reduzieren kann, obwohl Kristalle bestehen bleiben,

  • eine antiinflammatorische Intervention theoretisch Flares beeinflussen könnte, ohne Serumurat stark zu verändern.

Was heißt das für Max?

Wir sollten nicht zwischen

„Lifestyle“

und

„Medikament“

als Glaubensfrage entscheiden.

Sinnvoller wäre eine Risikostratifizierung.

Bei Max würde ich wissen wollen:

Wie viele gesicherte Anfälle gab es?

Wie hoch ist sein Serumurat wiederholt unter normalen Bedingungen?

Wie ist seine Nierenfunktion?

Gibt es Nierensteine?

Gibt es Hinweise auf Kristallablagerungen oder Tophi?

Gibt es eine starke Familienanamnese?

Treten die Anfälle reproduzierbar nach Hitze, langen Einheiten, Dehydrierung oder Alkohol auf?

Und gegebenenfalls:

Ist seine renale Urat-Ausscheidung auffällig niedrig?

Die praktische Konsequenz

Bei einem übergewichtigen Patienten mit metabolischem Syndrom kann Gewichtsreduktion ein wichtiger Teil der Therapie sein.

Bei Max mit BMI 23 wäre:

„Nehmen Sie ab“

offensichtlich keine sinnvolle Standardempfehlung.

Bei ihm könnte die Strategie eher lauten:

  • langfristige Uratbelastung objektiv bestimmen

  • lange heiße Belastungen besser hydrieren und fuelen

  • Alkohol besonders nach solchen Belastungen reduzieren

  • extreme tierische Purinbelastungen vermeiden

  • unnötige Crash-Diäten/Fasten-Ketose-Kombinationen vermeiden

  • bei wiederkehrender gesicherter Gicht die Indikation zur pharmakologischen Uratreduktion ärztlich diskutieren.

Vitamin C oder Montmorency könnten dabei höchstens ergänzende Interventionen sein.

Sie sollten nicht dazu verwendet werden, eine eigentlich indizierte uratsenkende Therapie zu „ersetzen“. Und grundsätzlich Anti-entzündliche Ernährung, ein ordentlicher Omega-3 Index und poly-phenolreiche Ernährung kann auch hier sehr hilfreich sein!


Fazit

Vielleicht ist die wichtigste Botschaft:

Harnsäure ist wichtig – aber Harnsäure ist nicht der Gichtanfall.

Eine dauerhaft erhöhte Uratkonzentration schafft die Voraussetzungen dafür, dass Kristalle entstehen.

Die vorhandenen Kristalle schaffen die Voraussetzung für Gicht.

Und erst die inflammatorische Reaktion auf diese Kristalle verursacht den extrem schmerzhaften akuten Anfall.

Deshalb brauchen wir möglicherweise drei Strategien:

1. Uratbelastung langfristig kontrollieren.

2. Kristalllast langfristig reduzieren.

3. Individuelle Trigger und Entzündungsreaktionen verstehen und reduzieren.

Gerade bei sportlichen, normalgewichtigen Menschen lohnt es sich deshalb, weiter zu denken als:

„Weniger Fleisch essen und Gewicht verlieren.“

Manchmal liegt die interessantere Frage bei Urat-Clearance, Belastungsphysiologie, Hitze, Flüssigkeitsverlust, Alkohol und der individuellen inflammatorischen Reaktion auf bereits vorhandene Kristalle.


Quellen

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FAQ – Häufige Fragen zu Gicht, Harnsäure und Prävention

1. Ist eine erhöhte Harnsäure automatisch Gicht?

Nein. Eine erhöhte Harnsäure – Hyperurikämie – erhöht das Risiko, dass sich Uratkristalle bilden. Sie bedeutet aber nicht automatisch, dass jemand Gicht hat oder irgendwann einen Gichtanfall bekommen wird.

Selbst bei deutlich erhöhten Werten entwickeln längst nicht alle Menschen klinische Gicht. Entscheidend sind wahrscheinlich die Höhe und Dauer der Harnsäurebelastung sowie individuelle Faktoren wie Genetik, Urat-Ausscheidung, Kristallbildung und Entzündungsreaktion.

2. Kann man einen Gichtanfall haben, obwohl die Harnsäure normal ist?

Ja.

Während eines akuten Gichtanfalls kann der Serumharnsäurewert vorübergehend normal oder niedriger als gewöhnlich sein. Ein unauffälliger Laborwert während des Anfalls schließt Gicht daher nicht aus.

Bei entsprechendem Verdacht ist es sinnvoll, die Harnsäure nach Abklingen des akuten Anfalls erneut unter standardisierten Bedingungen zu bestimmen.

3. Ab welchem Harnsäurewert können sich Kristalle bilden?

Als grobe Orientierung wird häufig eine Serumuratkonzentration von etwa 6,8 mg/dl genannt. Oberhalb dieses Bereichs wird die Bildung von Mononatriumurat-Kristallen zunehmend begünstigt.

Das ist jedoch keine harte individuelle Grenze.

Temperatur, pH-Wert und die lokale Situation im Gelenk beeinflussen ebenfalls die Löslichkeit. Deshalb treten Gichtanfälle besonders häufig an relativ kühlen peripheren Gelenken wie dem Großzehengrundgelenk auf.

4. Bedeutet „keine Gichtanfälle mehr“, dass die Gicht verschwunden ist?

Nicht unbedingt.

Ein Mensch kann weiterhin Uratkristalle im Gewebe haben und trotzdem über längere Zeit keine Anfälle bekommen.

Hier sollte man unterscheiden zwischen:

Flare-Kontrolle – keine akuten Entzündungen

und

Kristallkontrolle – vorhandene Uratablagerungen werden langfristig reduziert.

Trigger zu vermeiden kann die Zahl der Anfälle reduzieren, ohne dass die vorhandene Kristalllast zwangsläufig verschwindet.

5. Können sich vorhandene Uratkristalle wieder auflösen?

Ja.

Wenn Serumurat über längere Zeit ausreichend niedrig gehalten wird, verschiebt sich das Gleichgewicht in Richtung Kristallauflösung.

Genau darauf zielt die langfristige uratsenkende Therapie ab.

Deshalb verwenden Leitlinien bei etablierter Gicht typischerweise einen Zielwert von unter 6 mg/dl; bei hoher Kristalllast oder schwerer Gicht kann teilweise ein niedrigerer Wert angestrebt werden.

6. Warum kann Sport einen Gichtanfall triggern, obwohl Sport langfristig gesund ist?

Das ist kein Widerspruch.

Regelmäßige körperliche Aktivität und eine hohe Fitness sind langfristig eher mit einem niedrigeren Gichtrisiko verbunden.

Eine einzelne außergewöhnlich lange oder intensive Belastung kann jedoch kurzfristig andere Effekte haben:

hoher ATP-Umsatz, mehr Purinabbau, steigendes Lactat, Flüssigkeitsverlust, Hitze und möglicherweise reduzierte Urat-Ausscheidung.

Gerade bei langen Ausdauerbelastungen wurden vorübergehend deutliche Anstiege der Serumharnsäure gemessen.

Das bedeutet nicht, dass Menschen mit Gicht keinen Sport treiben sollten. Es bedeutet eher, dass Belastungssteuerung, Hydrierung und Energiezufuhr relevant werden können.

7. Ist Alkohol nach dem Sport besonders problematisch?

Das ist physiologisch plausibel, aber für genau diese Kombination nicht durch große randomisierte Studien quantifiziert.

Wenn nach einer langen heißen Trainingseinheit bereits Flüssigkeitsverlust, hoher Purinumsatz und möglicherweise ein Energiedefizit bestehen, kann Alkohol einen weiteren Belastungsfaktor darstellen.

Bei Menschen, die wiederholt nach solchen Situationen Anfälle bekommen, wäre deshalb ein einfacher praktischer Versuch:

Nach langen und heißen Belastungen auf Alkohol verzichten und beobachten, ob die Flare-Häufigkeit sinkt.

8. Muss man bei Gicht komplett purinarm essen?

Eine sehr strenge purinarme Ernährung ist aus heutiger Sicht wahrscheinlich zu undifferenziert.

Vor allem tierische Purinquellen – beispielsweise Innereien, große Mengen bestimmter Fleischprodukte und einige Meeresfrüchte – sind stärker mit Gichtanfällen assoziiert.

Pflanzliche Purinquellen zeigen deutlich schwächere Zusammenhänge.

Hülsenfrüchte oder Gemüse nur aufgrund ihres Puringehalts pauschal zu streichen, kann deshalb mehr Nachteile als Vorteile haben.

Sinnvoller ist eine insgesamt hochwertige Ernährung mit gezielter Reduktion besonders ungünstiger Quellen.

9. Sollte jeder Gichtpatient abnehmen?

Nein.

Bei Übergewicht und insbesondere bei Insulinresistenz oder metabolischem Syndrom kann eine Gewichtsreduktion die Harnsäure und das Gichtrisiko verbessern.

Für einen bereits schlanken, sportlichen Menschen gilt das nicht.

Aggressive Gewichtsreduktion, Fasten oder starke Ketose können die Harnsäure sogar vorübergehend erhöhen.

Die Empfehlung „Gewicht verlieren“ sollte deshalb nur ausgesprochen werden, wenn tatsächlich ein relevantes Übergewicht besteht.

10. Ist Fructose bei Gicht grundsätzlich schlecht?

Auch hier ist Differenzierung wichtig.

Besonders problematisch erscheinen zuckergesüßte Getränke und hohe Mengen frei verfügbarer Zucker.

Bei ganzen Früchten sieht die Datenlage wesentlich günstiger aus. In großen Kohorten zeigte sich für Obst nicht dasselbe Gichtrisiko wie für Softdrinks oder Fruchtsäfte.

Für einen Ausdauersportler ist außerdem die gezielte Kohlenhydratzufuhr während einer mehrstündigen Belastung metabolisch etwas anderes als der chronische Konsum großer Mengen Softdrinks im Energieüberschuss.

11. Kann man die Urat-Ausscheidung verbessern?

Teilweise.

Am wichtigsten ist zunächst, Faktoren zu vermeiden, die die Ausscheidung verschlechtern können:

Dehydrierung, bestimmte Medikamente, relevante Nierenfunktionsstörungen und – falls vorhanden – ausgeprägte Insulinresistenz.

Medikamentös kann die Urat-Ausscheidung durch sogenannte Urikosurika gezielt erhöht werden.

Lifestyle-Maßnahmen haben meist einen deutlich kleineren Effekt.

Bei ungewöhnlichen Fällen kann es interessant sein, die fraktionelle Urat-Ausscheidung (FEUA) oder gegebenenfalls eine 24-Stunden-Urinausscheidung zu bestimmen.

12. Welche Rolle spielt Genetik?

Eine erhebliche.

Serumharnsäure und Gichtrisiko sind stark genetisch beeinflusst.

Besonders interessant sind Gene für Urattransporter wie:

ABCG2, SLC2A9/GLUT9 und SLC22A12/URAT1.

Bei einem jungen oder normalgewichtigen Patienten mit ausgeprägter Hyperurikämie, starker Familienanamnese oder ungewöhnlich früher Gicht wird Genetik deshalb interessanter als bei einem klassischen metabolischen Gichtphänotyp.

Ein kommerzieller „Gicht-SNP-Test“ ist allerdings nicht automatisch klinisch hilfreich. Bei besonderen Konstellationen sollte eher eine medizinisch-genetische Abklärung diskutiert werden.

13. Ist eine „Urikase-Schwäche“ eine mögliche Ursache?

Beim Menschen normalerweise nicht.

Menschen besitzen evolutionär keine funktionierende Urikase mehr. Harnsäure ist deshalb bei uns das Endprodukt des Purinstoffwechsels.

Der häufiger relevante Unterschied liegt nicht darin, dass manche Menschen „zu wenig Urikase“ besitzen, sondern darin, wie viel Urat produziert und vor allem über Niere und Darm ausgeschieden wird.

Seltene Störungen anderer Enzyme des Purinstoffwechsels existieren, sind aber etwas völlig anderes und meist nur bei besonderen klinischen Konstellationen relevant.

14. Hilft Vitamin C bei Gicht?

Vitamin C hat wahrscheinlich einen kleinen uratsenkenden beziehungsweise urikosurischen Effekt.

Randomisierte Studien zeigen durchschnittlich eher eine Senkung im Bereich von einigen Zehntel mg/dl.

Eine große Beobachtungsstudie fand bei Männern mit sehr hoher Vitamin-C-Zufuhr ein deutlich niedrigeres zukünftiges Gichtrisiko. Ein späterer randomisierter Versuch mit 500 mg pro Tag fand dagegen eine wesentlich kleinere Risikoreduktion.

Deshalb ist Vitamin C interessant, aber kein Ersatz für eine notwendige uratsenkende Therapie.

Für eine pauschale Empfehlung von 1.500–2.000 mg täglich reicht die Evidenz nicht aus. Bei hohen Dosierungen muss außerdem das mögliche Oxalat-Nierensteinrisiko berücksichtigt werden.

15. Helfen Montmorency-Sauerkirschen?

Möglicherweise – aber wahrscheinlich nicht so, wie häufig behauptet wird.

Im Labor können Bestandteile der Montmorency-Kirsche unter anderem Xanthinoxidase und verschiedene entzündungsrelevante Enzyme hemmen.

Bei Gichtpatienten konnte Tart-Cherry-Konzentrat allerdings bislang keine überzeugend starke Senkung der Serumharnsäure zeigen.

Interessanter sind die Daten zur Zahl der Gichtanfälle.

Kleine Pilotstudien und Beobachtungsdaten zeigen ein Signal für weniger Flares. Diese Studien sind aber zu klein oder methodisch zu schwach, um eine sichere Wirksamkeit zu beweisen.

Eine mögliche Hypothese lautet deshalb:

Kirschen reduzieren möglicherweise weniger die Harnsäure als vielmehr die entzündliche Antwort auf vorhandene Uratkristalle.

Das wäre biologisch interessant, muss aber noch durch größere langfristige RCTs bestätigt werden.

16. Können Kirschen Allopurinol ersetzen?

Das ist nicht belegt.

Allopurinol senkt Serumurat deutlich und kann dadurch langfristig vorhandene Uratkristalle reduzieren.

Für Montmorency-Kirschen gibt es keinen vergleichbaren Nachweis.

Theoretisch könnten beide Interventionen unterschiedliche Ebenen beeinflussen:

Allopurinol → Urat- und Kristalllast

Kirschen → möglicherweise Entzündungsreaktion/Flare-Schwelle

Ob diese Kombination klinisch tatsächlich einen Zusatznutzen hat, ist bislang nicht ausreichend untersucht.

17. Wann werden Medikamente sinnvoll?

Das hängt nicht nur von einem einzelnen Harnsäurewert ab.

Besonders relevant wird eine langfristige uratsenkende Therapie bei:

wiederkehrenden gesicherten Gichtanfällen, Tophi, goutbedingten strukturellen Gelenkschäden oder bestimmten Hochrisikokonstellationen.

Nach einem einzelnen unkomplizierten Anfall ist die Entscheidung weniger automatisch.

Deshalb sollte man unterscheiden zwischen:

asymptomatischer Hyperurikämie

und

klinisch manifester, wiederkehrender Gicht.

Die konkrete medikamentöse Entscheidung gehört in ärztliche Hand.

18. Warum können nach Beginn von Allopurinol zunächst sogar mehr Gichtanfälle auftreten?

Weil sich die Uratverhältnisse im Gewebe verändern.

Wenn Serumurat sinkt, beginnen bestehende Kristallablagerungen sich umzubauen und allmählich aufzulösen. Gerade in dieser frühen Phase können Kristalle mobilisiert werden und vorübergehend zusätzliche Flares auftreten.

Das bedeutet nicht, dass die Therapie nicht funktioniert.

Deshalb wird zu Beginn einer uratsenkenden Therapie häufig zeitlich begrenzt eine zusätzliche Flare-Prophylaxe eingesetzt.

19. Was sollte man bei einem sportlichen, normalgewichtigen Gichtpatienten besonders untersuchen?

Hier würde ich weniger automatisch auf „Gewichtsverlust“ fokussieren und stärker auf den individuellen Phänotyp.

Besonders interessant sind:

Serumurat unter Ruhebedingungen, Nierenfunktion, mögliche Medikamente, Familienanamnese, Urat-Ausscheidung, Nierensteine, Belastung und Hitze vor den Anfällen, Flüssigkeitszufuhr, Energiebilanz, Alkohol sowie eventuell genetische Faktoren.

Damit lässt sich besser beurteilen, ob primär eine chronisch hohe Uratbelastung besteht oder ob starke situative Trigger eine besondere Rolle spielen.

20. Was ist die wichtigste Botschaft?

Harnsäure, Uratkristalle und Gichtanfälle sind drei miteinander verbundene, aber nicht identische Dinge.

Eine dauerhaft hohe Harnsäure fördert die Kristallbildung.

Vorhandene Kristalle schaffen die Voraussetzung für Gicht.

Der akute Gichtanfall entsteht schließlich durch die Entzündungsreaktion auf diese Kristalle.

Deshalb kann eine gute Strategie mehrere Ebenen gleichzeitig adressieren:

Harnsäure kontrollieren, Kristalllast langfristig reduzieren und individuelle Trigger für akute Entzündungen vermeiden.

Gerade beim sportlichen, normalgewichtigen Menschen kann diese differenzierte Betrachtung deutlich sinnvoller sein als die pauschale Empfehlung: „Abnehmen und möglichst purinarm essen.“

Disclaimer

Die Inhalte dieses Artikels dienen ausschließlich der allgemeinen Information und Einordnung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Sie stellen keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Therapieempfehlung dar und können eine individuelle medizinische Untersuchung nicht ersetzen.

Bei wiederkehrenden Gichtanfällen, erhöhten Harnsäurewerten, akuten Gelenkschmerzen oder anderen gesundheitlichen Beschwerden sollte eine Ärztin oder ein Arzt aufgesucht werden. Medikamente oder bestehende Therapien sollten nicht ohne ärztliche Rücksprache begonnen, verändert oder abgesetzt werden.

Bei der Recherche, Strukturierung und Erstellung dieses Artikels wurde künstliche Intelligenz (KI/AI), insbesondere ChatGPT, unterstützend eingesetzt. Die wissenschaftlichen Aussagen wurden auf Basis der im Artikel angegebenen Quellen zusammengestellt.

Die im Artikel verwendeten Illustrationen wurden mit künstlicher Intelligenz (ChatGPT) erstellt. Sie dienen ausschließlich der Veranschaulichung; dargestellte Personen und Situationen sind fiktiv.

 
 

Wichtiger Hinweis zur Performance-Optimierung:
Diese Informationen basieren auf aktuellen Erkenntnissen der funktionellen Biochemie und der Sportwissenschaft. Als Health Coach begleite ich dich bei der Maximierung deiner bioenergetischen Leistungsfähigkeit. Meine Coachings und Inhalte stellen jedoch keine medizinische Therapie dar und ersetzen nicht den Gang zum Arzt. Bitte konsultiere bei gesundheitlichen Beschwerden oder vor tiefgreifenden metabolischen Umstellungen immer einen qualifizierten Mediziner. Setzen sie keine Medikamente ohne Rücksprache mit ihrem Arzt ab. 

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