Gesättigte Fette und Cholesterin - Minnesota Heart Experiment – Was sagt uns diese Studie wirklich?
- 15. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Gesättigte Fette und Cholesterin sind eine ewige Diskussion. Ist Butter böse? Und was bedeutet das für das Herz-Kreislauf Risiko.
Was wurde gemacht?
Das sogenannte Minnesota Coronary Experiment (1968–1973) war eine randomisierte kontrollierte Interventionsstudie – durchgeführt in psychiatrischen Kliniken und Pflegeeinrichtungen.
Das Studiendesign (vereinfacht):
Gesättigte Fette (v. a. tierische Fette) wurden reduziert
Sie wurden durch pflanzliche Öle mit hohem Linolsäureanteil ersetzt
Die Ernährung war kontrolliert (institutionelles Setting)
Ziel: Senkung des Cholesterins → Senkung von Herzinfarkten
Ergebnis:
LDL-Cholesterin sank signifikant
Die Gesamtsterblichkeit und kardiovaskuläre Sterblichkeit sanken nicht
Teilweise zeigte sich sogar eine höhere Mortalität bei stärkerer LDL-Senkung
Das war brisant.

2. Warum wurde die Studie lange nicht beachtet?
Ein großer Teil der Daten wurde jahrzehntelang nicht vollständig publiziert.Erst in den 2010er-Jahren wurden die Originaldaten wiederentdeckt und neu analysiert.
Historischer Kontext:
In den 1960ern/70ern dominierte die Lipid-Hypothese
Parallel lief die Seven Countries Study, die einen Zusammenhang zwischen gesättigten Fetten, Cholesterin und KHK nahelegte
Die Empfehlung „weniger gesättigte Fette“ setzte sich weltweit durch
Das Minnesota-Experiment passte nicht gut in dieses Narrativ.
3. Wie wird die Studie heute bewertet?
Die Debatte ist komplex.
Eine der zentralen Hypothesen lautet:
👉 Der hohe Anteil an industriellen Transfetten in den damaligen Margarinen könnte problematisch gewesen sein.
Wichtig: Das war kein Vergleich „Butter vs. natives Olivenöl“.
Die pflanzlichen Fette der 60er/70er waren technologisch stark verarbeitet, teilweise partiell gehärtet – mit hohen Transfettanteilen.
Das könnte ein entscheidender Faktor gewesen sein.
Aber: Streng genommen ist das eine plausible Erklärung – kein Beweis.
4. Bedeutet das jetzt: „Butter ist harmlos“?
Nein.
Und hier wird es wichtig:
Die Aussage
„Gesättigte Fette machen KHK“
ist zu simpel.
Aber ebenso simpel wäre:
„Gesättigte Fette sind kein Problem.“
5. Kontext ist entscheidend
Dosis
Wie viel Butter isst du realistisch?
10–20 g als Brotaufstrich?
Oder große Mengen in hochverarbeiteten Produkten?
Die absolute Menge spielt eine Rolle.
Gesamtaufnahme gesättigter Fette
Quellen können sein:
Butter
Fettiges Fleisch
Wurstwaren
Käse
Kokosöl
Gerade Kokosöl ist nahezu vollständig gesättigt.
Aber: Bevölkerungen mit traditionell hohem Kokoskonsum ("Ur-Völker") zeigen nicht automatisch epidemische KHK-Raten. Lebensstil, Aktivität, Insulinsensitivität und Gesamt-Ernährung spielen mit hinein.
Was ersetzt du?
Das ist die vielleicht wichtigste Frage.
Wenn du gesättigte Fette reduzierst –was kommt stattdessen auf den Teller?
Schnell verfügbare Stärke?
Zucker?
Ultra-verarbeitete Ersatzprodukte?
Industrielle Fette?
Metabolisch betrachtet:
Hohe Insulinspiegel→ steigern VLDL→ erhöhen Triglyceride→ fördern small dense LDL
Das Risikoprofil kann sich verschlechtern – auch wenn das LDL formal sinkt.
Das „Steak-Problem“
Ein Steak (gesättigte Fette) ist nicht isoliert zu betrachten.
Isst du es mit:
Pommes (Stärke + ggf. Transfette)?
Weißbrot?
Softdrinks?
Oder mit:
Gemüse
Ballaststoffen
Bewegung im Alltag?
Lebensmittel existieren nicht im Vakuum.
6. Was können wir aus dem Minnesota-Experiment lernen?
LDL-Senkung allein garantiert keine Risikoreduktion
Ein Marker ist kein Mechanismus
Fettqualität ist entscheidend
Das Ernährungssystem zählt – nicht ein isoliertes Molekül
Wissenschaft ist komplexer als Schlagzeilen
7. Ist Butter „böse“?
Butter ist wahrscheinlich selten das zentrale Problem moderner Stoffwechselstörungen.
Die größeren Treiber in westlichen Populationen sind:
Chronische Hyperinsulinämie
Hoher Anteil ultra-verarbeiteter Lebensmittel
Bewegungsmangel
Schlafmangel
Entzündungsfördernde Lebensweise
Butter kann Teil einer ungesunden Ernährung sein.Sie kann aber auch Teil einer insgesamt metabolisch stabilen Ernährung sein.
Fazit
Das Minnesota Heart Experiment zeigt nicht, dass gesättigte Fette harmlos sind.
Aber es zeigt auch, dass die einfache Gleichung
„gesättigte Fette → LDL ↑ → KHK“
zu kurz greift.
Am Ende zählt das Gesamtsystem! Am Ende zählt das Gesamtsystem:
Stoffwechsel
Entzündung
Lipoproteinmuster
Insulin
Lebensstil
Qualität der Fette
Gesamtenergiebilanz
Es ist – wie so oft in der Ernährungsmedizin – nicht schwarz oder weiß.
Und genau deshalb lohnt es sich, Cholesterin im Kontext zu verstehen,statt nur einen einzelnen Wert zu bekämpfen.
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Quellen: Originalpublikation (Minnesota Coronary Survey)
Frantz ID Jr, Dawson EA, Ashman PL, et al. (1989). Test of effect of lipid lowering by diet on cardiovascular risk. The Minnesota Coronary Survey. Arteriosclerosis. 1989;9(1):129–135.
Wiederentdeckung & Re-Analyse der Rohdaten
Ramsden CE, Zamora D, Majchrzak-Hong S, et al. (2016). Re-evaluation of the traditional diet-heart hypothesis: analysis of recovered data from the Minnesota Coronary Experiment (1968–73). BMJ. 2016;353:i1246.
(Open Access im BMJ)
Historischer Kontext – Lipid-Hypothese
Keys A. (1970). Coronary heart disease in seven countries. Circulation. 1970;41(4 Suppl):I1–I211.
Zur Rolle von Transfetten
Mozaffarian D, Katan MB, Ascherio A, et al. (2006). Trans fatty acids and cardiovascular disease. New England Journal of Medicine. 2006;354:1601–1613.




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