Prävention rechnet sich - Diabetes Typ 2 Kosten in der Analyse
- 18. Jan.
- 6 Min. Lesezeit
auch wenn das klassische ROI-Modell im Gesundheitssystem versagt

Ein transparenter Business Case am Beispiel Diabetes Typ 2
1. Einordnung: Warum diese Analyse notwendig ist
Gesundheit wird im öffentlichen Diskurs häufig entweder moralisch („Man sollte…“) oder kurzfristig ökonomisch („Lohnt sich das?“) diskutiert.
Beides greift zu kurz.
Diese Analyse verfolgt keine politische Agenda und keinen Aktivismus.Sie beantwortet eine nüchterne Frage:
Wie verändern sich Kosten, Risiken und Zahlungsströme, wenn ein Gesundheitssystem systematisch von reaktiver Behandlung zu früher Prävention umschichtet?
Der Fokus liegt auf Diabetes Typ 2, weil:
die Erkrankung sehr häufig ist,
die Kosten gut dokumentiert sind,
Prävention nachweislich wirkt,
und sich die ökonomischen Mechanismen exemplarisch zeigen.
Wichtig:
Es geht nicht um individuelle Heilversprechen.
Es geht nicht darum, Medikamente abzuwerten.
Es geht nicht um kurzfristige Beitragssenkungen.
Es geht um Langfrist-Value, Risikoreduktion und Entscheidungslogik.
2. Datenbasis: Was wir wissen (keine Annahmen)
2.1 Epidemiologie Diabetes Typ 2 (Deutschland)
Belastbare Versorgungsdaten zeigen:
≈ 500.000 Neudiagnosen von Typ-2-Diabetes pro Jahr
Durchschnittsalter bei Diagnose: ≈ 60–62 Jahre
Lebenserwartung nach Diagnose: ≈ 20–25 Jahre
Implikation: Ein Diabetes-Typ-2-Fall verursacht jahrzehntelange Folgekosten.
2.2 Kosten von Diabetes Typ 2 – zwei Perspektiven
Eine saubere Analyse erfordert die klare Trennung zweier Kostenbegriffe.
Gesamtkosten (Total Costs)
Alle Gesundheitsausgaben einer Person mit Diabetes(z. B. Arztleistungen, Medikamente, Krankenhaus, Folgeerkrankungen):
≈ 5.000 € pro Patient und Jahr
Zusatzkosten / Exzesskosten
Mehrkosten gegenüber vergleichbaren Nicht-Diabetikern:
≈ 2.500–2.600 € pro Patient und Jahr
Für Präventionsökonomie ist die Exzesskosten-Perspektive entscheidend, weil sie den diabetes-attributablen Kostenanteil abbildet.
2.3 Lifetime-Ableitung (aus Daten, keine Annahme)
Konservativ gerechnet:
Exzesskosten: ~2.600 € / Jahr
Dauer: ~23 Jahre
➡️ ≈ 60.000 € zusätzliche Kosten pro Diabetesfall (undiskontiert)
Diese Zahl ist keine Schätzung, sondern eine arithmetische Ableitung aus publizierten Jahreskosten und Lebenserwartung.
3. Das Präventionsmodell – Annahmen (explizit gekennzeichnet)
Ab hier handelt es sich bewusst um Modellannahmen, nicht um empirische Daten.
3.1 Ausgangspunkt: bestehender Check-up 35
Der Check-up 35 existiert bereits (GKV/PKV).
Es wird keine neue Struktur geschaffen.
Annahme A1
Der Check-up 35 wird im bestehenden 3-Jahres-Rhythmus um zwei zusätzliche Laborparameter ergänzt (z. B. HbA1c + Insulin - HOMA-iR).
Zusatzkosten:ca. 40 € pro Person je Check-up
3.2 Zielgruppe
Annahme A2
Bevölkerung ≥ 35 Jahre: ≈ 53 Mio. Menschen
3.3 Selektion & Intervention
Annahme A3
10 % der Untersuchten zeigen auffällige Stoffwechselparameter(Insulinresistenz / Prädiabetes / frühe Dysregulation)
Annahme A4
Diese 10 % erhalten eine strukturierte Lifestyle-Beratung
Kosten: 500 € einmalig pro Person
3.4 Präventionskosten (annualisiert)
Kosten pro 3-Jahres-Zyklus:
Zusatzlabore: 2,12 Mrd €
Beratung: 2,65 Mrd €
➡️ Annualisiert:
Kostenblock | €/Jahr |
Zusatzlabore | 0,71 Mrd € |
Beratung | 0,88 Mrd € |
Gesamt Prävention | 1,59 Mrd € / Jahr |
4. Wirksamkeit – drei Szenarien (Bandbreite)
Da Prävention nicht deterministisch wirkt, wird bewusst mit Szenarien gearbeitet.
Annahme A5 – Reduktion der Neudiagnosen
Szenario | Weniger Neudiagnosen / Jahr |
Worst Case | 100.000 |
Average Case | 150.000 |
Best Case | 200.000 |
➡️ Das entspricht –20 % bis –40 %, also einer realistischen Bandbreite aus der Literatur.
Annahme A6 – Zeitverzug
Prävention wirkt nicht sofort
Lag: 3 Jahre
5. Einsparlogik (transparent)
Exzesskosten pro Patient:
2.600 € pro Jahr
Einsparung pro Jahr und Kohorte:
Worst: 0,26 Mrd €
Average: 0,39 Mrd €
Best: 0,52 Mrd €
Die Einsparungen addieren sich kohortenweise.
6. Der Business Case – durchgängige Cashflow-Rechnung
Alle Werte in Mrd € pro Jahr.Netto = Einsparungen – 1,59 Mrd € Präventionskosten.
Cashflow-Tabelle (Jahr 1–17)
Jahr | Savings W | Netto W | Kum W | Savings A | Netto A | Kum A | Savings B | Netto B | Kum B |
1 | 0,00 | -1,59 | -1,59 | 0,00 | -1,59 | -1,59 | 0,00 | -1,59 | -1,59 |
2 | 0,00 | -1,59 | -3,18 | 0,00 | -1,59 | -3,18 | 0,00 | -1,59 | -3,18 |
3 | 0,00 | -1,59 | -4,77 | 0,00 | -1,59 | -4,77 | 0,00 | -1,59 | -4,77 |
4 | 0,26 | -1,33 | -6,10 | 0,39 | -1,20 | -5,97 | 0,52 | -1,07 | -5,84 |
5 | 0,52 | -1,07 | -7,17 | 0,78 | -0,81 | -6,78 | 1,04 | -0,55 | -6,39 |
6 | 0,78 | -0,81 | -7,98 | 1,17 | -0,42 | -7,20 | 1,56 | -0,03 | -6,42 |
7 | 1,04 | -0,55 | -8,53 | 1,56 | -0,03 | -7,23 | 2,08 | 0,49 | -5,93 |
8 | 1,30 | -0,29 | -8,82 | 1,95 | 0,36 | -6,87 | 2,60 | 1,01 | -4,92 |
9 | 1,56 | -0,03 | -8,85 | 2,34 | 0,75 | -6,12 | 3,12 | 1,53 | -3,39 |
10 | 1,82 | 0,23 | -8,62 | 2,73 | 1,14 | -4,98 | 3,64 | 2,05 | -1,34 |
11 | 2,08 | 0,49 | -8,13 | 3,12 | 1,53 | -3,45 | 4,16 | 2,57 | 1,23 |
12 | 2,34 | 0,75 | -7,38 | 3,51 | 1,92 | -1,53 | 4,68 | 3,09 | 4,32 |
13 | 2,60 | 1,01 | -6,37 | 3,90 | 2,31 | 0,78 | 5,20 | 3,61 | 7,93 |
14 | 2,86 | 1,27 | -5,10 | 4,29 | 2,70 | 3,48 | 5,72 | 4,13 | 12,06 |
15 | 3,12 | 1,53 | -3,57 | 4,68 | 3,09 | 6,57 | 6,24 | 4,65 | 16,71 |
16 | 3,38 | 1,79 | -1,78 | 5,07 | 3,48 | 10,05 | 6,76 | 5,17 | 21,88 |
17 | 3,64 | 2,05 | 0,27 | 5,46 | 3,87 | 13,92 | 7,28 | 5,69 | 27,57 |
7. Interpretation der Szenarien
Jährlicher Break-even (Netto > 0)
Best Case: Jahr 7–8
Average Case: Jahr 8–9
Worst Case: Jahr 10
Kumulativer Break-even
Best Case: Jahr ~11
Average Case: Jahr ~13
Worst Case: Jahr ~17
➡️ Das Modell ist sensitiv, aber nicht fragil.
8. Warum sich das für Kostenträger trotzdem schwierig anfühlt
Für Krankenkassen-Vorstände gilt:
Kosten entstehen sofort
Nutzen kommt nach mehreren Jahren
Erfolgskennzahlen verschlechtern sich kurzfristig
Der langfristige Value liegt oft jenseits der eigenen Vertragslaufzeit
👉 Das ist kein Wirkungsproblem, sondern ein Anreiz- und Governance-Problem.
9. Warum das klassische ROI-Modell hier zu kurz greift
ROI misst:
kurzfristige Rückflüsse
klare Kausalität
eindeutige Zuordnung
Gesundheit wirkt:
langfristig
probabilistisch
systemisch
Geeignetere Bewertungsmodelle sind:
Lifetime Value
Risikoreduktion
Varianzreduktion
Option Value (erhaltene Leistungs- und Entscheidungsfähigkeit)
10. Fazit
Prävention ist keine klassische Einsparmaßnahme.Sie ist eine Umschichtung von dauerhaften, progressiven Kostenhin zu früher, zeitlich begrenzter Intervention.
Kurzfristig:
höhere Ausgaben
mehr Risiko für Kostenträger
Langfristig:
weniger Progression
weniger Hochkostenfälle
stabilere Finanzierung
höhere individuelle Leistungsfähigkeit
Abschließender Satz
Dass Prävention kurzfristig kein sauberes Business-Modell ergibt,ist kein Argument gegen ihren Wert –sondern ein Hinweis darauf, dass Gesundheit andere Bewertungsmaßstäbe braucht.
Quellenliste
A) Epidemiologie & Versorgung – Diabetes Typ 2 (Deutschland)
Robert Koch-Institut (RKI) Diabetes-Surveillance in Deutschland– Prävalenz, Inzidenz, Altersverteilung, Trends https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Studien/Diabetes/diabetes_node.html
Versorgungsatlas – Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) Inzidenz und Prävalenz des Diabetes mellitus Typ 2 in Deutschland– Routinedaten der GKV, Neudiagnosen pro Jahr https://www.versorgungsatlas.de
Deutsches Diabetes-Zentrum (DDZ) Diabetes-Report Deutschland– Epidemiologie, Krankheitsverlauf, Versorgung https://www.ddz.de
B) Kosten von Diabetes Typ 2
Statistisches Bundesamt (Destatis) Krankheitskostenrechnung – Diabetes mellitus– Direkte Krankheitskosten nach Diagnosen https://www.destatis.de
Deutsches Diabetes-Zentrum (DDZ) KoDiM – Kosten des Diabetes mellitus– Exzesskosten (Zusatzkosten gegenüber Nicht-Diabetikern) Brüggenjürgen et al., verschiedene Publikationen https://www.ddz.de/forschung/projekte/kodim.html
Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages Kosten und volkswirtschaftliche Bedeutung von Diabetes mellitus– Einordnung direkter und indirekter Kosten https://www.bundestag.de/wd
International Diabetes Federation (IDF) IDF Diabetes Atlas– Internationale Kostenvergleiche, Methodik https://diabetesatlas.org
C) Prävention & Wirksamkeit (Lebensstilinterventionen)
Diabetes Prevention Program (DPP) Research Group Reduction in the Incidence of Type 2 Diabetes with Lifestyle Intervention New England Journal of Medicine, 2002 https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa012512
Finnish Diabetes Prevention Study (DPS) Prevention of Type 2 Diabetes Mellitus by Changes in Lifestyle NEJM, 2001 https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJM200105033441801
Lean et al. – DiRECT Study Primary care–led weight management for remission of type 2 diabetes The Lancet, 2018 / 2019 https://www.thelancet.com
Systematic Reviews & Meta-Analysen
Haw et al., Long-term sustainability of diabetes prevention interventions Diabetic Medicine
Tuomilehto et al., Prevention of type 2 diabetes: lifestyle intervention The Lancet Diabetes & Endocrinology
D) Methodik, Bewertungsmodelle & Systemeinordnung
OECD The Heavy Burden of Obesity & Preventive Policies– Prävention, Langfristkosten, Budgeteffekte https://www.oecd.org/health
World Health Organization (WHO) Global Report on Diabetes– Prävention, Public-Health-Logik https://www.who.int
Cutler, D. – Health Economics Your Money or Your Life– Bewertung von Gesundheitsinvestitionen https://www.nber.org
Porter, M. E. Value-Based Health Care– Outcome-orientierte Bewertungsmodelle Harvard Business Schoo https://hbr.org
Recherche und Umsetzung Business Case unter Zuhilfenahme von ChatGPT 5.2
Häufige Fragen zur Prävention von Diabetes Typ 2
Was kostet Diabetes Typ 2 das Gesundheitssystem?
Diabetes Typ 2 verursacht in Deutschland direkte Gesundheitskosten von mehreren Milliarden Euro pro Jahr. Pro Patient entstehen durchschnittlich rund 5.000 € Gesamtkosten jährlich, davon etwa 2.500–2.600 € als zusätzliche Kosten gegenüber Nicht-Diabetikern.
Ist Prävention von Diabetes Typ 2 wirtschaftlich sinnvoll?
Langfristig ja. Zwar entstehen Präventionskosten zunächst früher als Einsparungen, doch über mehrere Jahre hinweg übersteigen die vermiedenen Krankheitskosten die Investitionen deutlich – insbesondere bei konsequenter Früherkennung und gezielter Intervention.
Warum zahlt die Krankenkasse nicht mehr für Prävention?
Krankenkassen bewerten Maßnahmen primär nach kurzfristiger Wirtschaftlichkeit und klaren Abrechnungslogiken. Prävention wirkt zeitverzögert, probabilistisch und systemisch – deshalb greift das klassische ROI-Modell hier nur eingeschränkt.
Ab wann rechnet sich Prävention bei Diabetes Typ 2?
Je nach Wirksamkeit zeigt sich ein Break-even zwischen etwa 7 und 17 Jahren. In realistischen Szenarien liegt der kumulierte Break-even häufig zwischen 10 und 13 Jahren.
Ist Prävention nur eine Kostenverschiebung von Medikamenten zu Programmen?
Teilweise ja – aber es handelt sich um eine qualitative Verschiebung: von dauerhaften, progressiven Kosten (Medikamente, Folgeerkrankungen) hin zu früher, zeitlich begrenzter Intervention mit stabilisierendem Effekt.






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